Es ist erklärlich, wenn das direkt hinter dem Zusammenfluss von Bobritzsch und Colmnitzbach gelegene Naundorf bei der Hochflut besonders schwer getroffen wurde. Gleich oben am Erbgerichte hatte die Gewalt des Wassers den starken, massiv gebauten Steinpfeiler der großen Brücke in der Mitte auseinandergetrieben. Ehe man sich versah, war die Flut über die daselbst sehr hohen Ufer herausgetreten und hatte das zum Erbgerichtsgasthof gehörige Kegelhäuschen mit sämtlichem Inventar weggeschwemmt. Weiter unten, mehr nach der Mitte des Dorfes zu, waren die Wiesen mit meterhohen Dämmen von Sand du Steingeröll bedeckt. Die neue Schule war auf allen vier Seiten vom Wasser umringt, es mochte das Wasser dort einen hoch stehen. Die schöne Schulbrücke war ganz weggerissen, so dass aller Verkehr aufgehoben war. Zwei Tage haben die Bewohner des Schulhauses in ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft aushalten müssen. Das Häuschen des Fabrikmaschinisten Oswald Schubert, das zwischen dem Wehr und dem abgeleiteten Mühlgraben steht, wurde von hochgehenden mächtigen Wasserwogen von allen Seiten umflutet. Es ist ein Wunder, dass es auf die Dauer Stand zu halten vermochte. Noch weiter unten im Dorfe war die Brücke hinter dem Gemeindehaus weggerissen, auch der ziemlich breite Fahr- und Fußweg vor dem Weicheltschen und Münznerschem Haus, deren Bewohner sich durch die Fenster auf der hinteren Seite der Gebäude geflüchtet hatten, war unterspült und völlig weggeschwemmt worden. Ganz unten im Dorf hatte das Wasser auch den sehr hoch gelegene Steg am Heberschen Wehr weggerissen und unendliche Mengen Sand und Steingeröll rechts und links auf beiden Seiten des Ufers ausgeworfen. Gegen 7 Uhr abends, am 30. Juli, nahm das Wasser ein wenig ab, die Leute wagten sich heraus, und man konnte so viel Jammer und Klagen hören.
Dem einen hatte es seinen Holzvorrat, einem anderen die Zäune, einem dritten Gefäße oder sonstige Utensilien mit fortgenommen. Angst erfüllte aller Gemüter, zumal beim Gedanken an die hereinbrechende finstere Nacht. Aber Gott ließ auch diese Nacht, in der noch einmal ein Steigen des Wassers bemerkt werden konnte, gnädig vorübergehen. Das Unglück war immer noch zu ertragen, und jedes Herz musste voll Lobes und Dankes sein, dass kein Menschenleben zu beklagen gewesen ist.
An den Gemeinderat zu Naundorf.
Es ist zur Kenntnis der Königlichen Amtshauptmannschaft gekommen, dass in Naundorf bei der letzten Überschwemmung der Steg über die Bobritzsch vor der Schule, den die Schulkinder passieren müssen, weggerissen worden ist.
Der Gemeinderat erhält daher durch Veranlassung für schleunigste Wiederherstellung des Steges, dessen Öffentlichkeit hier vorausgesetzt wird, Sorge zu tragen und den Erfolg anzuzeigen.
Königliche Amtshauptmannschaft
Dr. Steinert
An die geehrte Königliche Amtshauptmannschaft zu Freiberg.
Auf Um/vor/ stehende gehorsamste zur Antwort, der vom Hochwasser verursachte Schaden im Schulhaus und an der eisernen Brücke über die Bobritzschbach, letztere um 30 cm erhöht, wurde vorige und die vorhergehende Woche vorschriftsmäßig hergestellt, dass heute Morgen nach den hier stattgehabten Schulferien der Schulbesuch ungehindert seinen Fortgang nahm.
Mit aller Hochachtung!
Naundorf, am 16. August 1897 – gez. Clausnitzer, Gemeindevorstand
Quelle: Staatsarchiv Dresden
Auszug aus alten Schulakten.
Freiberg, den 12. August 1897
Wird der Königlichen Amtshauptmannschaft ergebenst angezeigt, dass in Naundorf bei der letzten Überschwemmung der Steg über die Bobritzsch vor der Schule, der die Kinder passieren müssen, weggerissen worden ist, weshalb der Schulvorstand veranlasst werden möchte, mit tunlichster Beschleunigung für die Wiederherstellung desselben Sorge zu tragen.
Dr. Winkler